Nuevitas

Der Zug von Morón nach Nuevitas ist an diesem Sonntagmittag ausverkauft. In einem der letzten Waggons ergattern wir uns zwei Plätze nebeneinander. Hier ist noch nicht alles belegt. Wir sind in einem Frachtwaggon ohne Fenster. Einfache Bänke wurden in den Boden geschraubt, um zusätzliche Sitzplätze zu schaffen. An einigen Stellen sind die Waggons durchgerostet, sodass wir die Schienen unter unseren Füßen sehen können. Während der Fahrt sind die beiden Schiebetüren des Frachtwaggons weit geöffnet. Die Luft ist stickig. Verkäufer bieten im Zug ihre Waren an. Immer wieder gehen sie die Gänge auf und ab. Sie verkaufen Zigaretten, Bonbons, Schokowaffeln, Melonen, Guaven, Bohnen, Knoblauch und Seife. Plötzlich regnet es. Die Eisenbahn verringert ihre Geschwindigkeit. Der Regen wird stärker, bis der Zug schließlich komplett zum Stehen kommt. Die beiden Schiebetüren und alle Fenster werden geschlossen. Die Hitze wird unerträglich. An allen Seiten regnet es herein. Von der Decke tropft der Regen auf uns herab. Über eine halbe Stunde steht unser Zug nun schon regungslos. Wir sitzen inmitten dieses finsteren Frachtwaggons. Keiner weiß, wann wir weiter fahren werden. Plötzlich setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Sechs Stunden sind wir in das 160 Kilometer entfernte Nuevitas unterwegs.

Wir erreichen Nuevitas. Bei Eduardo und seiner Frau haben wir eine ganze Etage für uns alleine. Bad, Schlafzimmer, Wohnraum und Sonnenterasse. Eduardo ist Lehrer und hat zwei kleine Kinder. Teurer Fernseher und Musikanlage schmücken sein Wohnzimmer. Besitzer einer Casa Particular gehören zweifelsfrei zum besser gestellten Teil der Bevölkerung. Häufig Ärzte, Ingenieure oder Lehrer. Abends essen wir ausgezeichnet schmeckende Shrimps mit Reis und roter Beete. Zum Nachtisch gibt es frisch aufgeschnittenes Obst.

Andrès Atlantik La Cataluña Atlantik La Cataluña

Nach dem Frühstück fährt uns Andrès zum Schnorcheln an den Playa Santa Lucía. Andrès stamme ursprünglich aus Mallorca. Er lebe seit drei Jahren in Kuba und verbringe hier seinen Lebensabend. Vor einigen Jahren habe er für zehn Jahre in Hannover gearbeitet und könne daher noch etwas Deutsch.

Auf dem Weg zum Strand sammeln wir einen Tauchlehrer ein. Er trage den Spitznamen Macanao, benannt nach einem Meerestier. Seit seiner Kindheit habe er jede freie Minute im Wasser verbracht. Durch eine kleine Siedlung direkt im Sand gelangen wir zu seinem zu Hause. Voller Stolz präsentiert er uns seine Hütte unmittelbar am Wasser, welche er mit eigenen Händen liebevoll gebaut habe. Die Wellen reichen beinahe bis zu seiner Haustür.

Vor der Küste liegen etwa zehn Schiffe auf dem Grund des Meeres. Viele davon kann man nur mit Pressluftflasche besichtigen. 40 Meter vor Macanaos Haustür liegt ein spanisches Schiff aus der Kolonialzeit. La Cataluña. Vorsichtig gehen wir über die steinige, von Seeigeln belagerte Küste ins Meer. Nach einigen Metern ziehen wir unsere Flossen an. Dem Tauchlehrer hinterher, schnorcheln wir zu dem gesunkenen Schiff. Seit Jahrhunderten liegt es in etwa fünf Metern Tiefe auf dem Grund des atlantischen Ozeans.

Macanao taucht mit uns um das vermooste Wrack herum, bevor wir es selbst erkunden. Das Wasser ist kristallklar. Jede winzige Einzelheit des Meeresbodens können wir erkennen. Zum ersten Mal sehen wir Korallen in ihrem natürlichen Lebensraum. Die Überreste des Schiffes sind übersäet mit bunten Pflanzen. Zwischen den Holzbalken verstecken sich tropische Fische, die in sämtlichen Farben schimmern und leuchten. Wir tauchen zu dem Wrack hinunter, um es anzufassen. Nur schwer kommen wir gegen den Druck des Wassers an. Macanao hingegen bewegt sich wie ein Fisch im Wasser. Ohne Probleme bleibt er mehrere Minuten unter Wasser. Er zeigt uns viele einzigartige Stellen des Schiffes. Besonderheiten und dessen Bau. Plötzlich taucht er auf. Verborgen unter dem Sand findet er eine unversehrte, alte Weinflasche. Vermutlich aus dem 18. Jahrhundert oder noch älter. Zurück an Land möchten wir wissen, was er damit vorhabe. Er wolle sie auf jeden Fall behalten. Denn der Wert, den die Flasche für ihn habe, sei unbezahlbar.

Andrès hat während unserer Schnorcheltour am Strand auf uns gewartet. Er erzählt, er sei nach Kuba ausgewandert, weil das Leben in Spanien zu teuer sei für seine kleine Rente. Hier könne er sich mit seinem Geld vieles mehr leisten als in Europa. Stolz lässt er uns wissen, er habe zwei Frauen. Eine sei 18 Jahre und eine 20 Jahre alt. Auf Kuba sei es üblich mehrere Partner zu haben. Es gäbe viel mehr Frauen als Männer auf dem Inselstaat.

Den Rest dieses sonnigen Tages verbringen wir am Strand von La Boca. Unter einem Sonnenschirm genießen wir die reizende Kulisse dieses paradiesischen Strandes und das beschauliche Leben in der Karibik.

Nuevitas ist eine Industriestadt. Mit ihren Häfen ist sie einer der wichtigsten Umschlagplätze für Zucker auf Kuba. Von den Häfen und der Industrie bekommen wir jedoch nichts mit. Am Vormittag gehen wir auf den Markt der Stadt. Das Angebot ist begrenzt. Es gibt ausschließlich Obst und Gemüse der Region und der Saison. Für umgerechnet 50 Cent bekommen wir zwölf Bananen, eine Mango, eine Gurke, drei Tomaten und sieben Limetten.

Wir machen einen großen Spaziergang durch die Stadt. Vor einem Laden stehen die Menschen Schlange. Wir treten näher, um zu schauen was es hier Besonderes gibt. Doch es gibt nichts Außergewöhnliches zu kaufen. Die Leute stehen vor dem Geschäft und schauen durch die Fenster hinein. Sie müssen warten, bis jemand den Laden verlässt. Es darf immer nur eine bestimmte Anzahl an Menschen in dem Geschäft sein. Alle anderen stehen vor dem Geschäft und warten, bis sie an der Reihe sind.

Am Abend erkundigen wir uns am Bahnhof, nach dem besten Weg nach Banes. Der nächsten Station unserer Reise. Der Weg dorthin gestaltet sich schwierig. Eine direkte Verbindung gibt es zwischen den beiden Städten nicht.

Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft möchten wir ein paar Brötchen kaufen. Der Bäcker schenkt uns drei seiner frisch gebackenen, noch warmen Brötchen. Wir möchten bezahlen, doch er will kein Geld von uns für die Brötchen haben. Er sagt, sie seien ein Geschenk.

An diesem Abend liegen wir auf unserer Dachterrasse in bequemen Liegestühlen. Stundenlang beobachten wir den karibischen Sternenhimmel. Begeistert von der außergewöhnlichen Vielzahl der Sterne. Solch eine klare Nacht mit so vielen Sternen und Sternschnuppen haben wir selten zuvor gesehen.

La Boca La Boca La Boca Andrès

Mittwoch. Noch einmal möchten wir zum Schnorcheln fahren. Die einzigartige Unterwasserwelt bestaunen und genießen. Dieses Mal haben wir mehr Gelegenheit uns mit Macanao zu unterhalten.

Er ist entsetzt, dass wir für Medizin und Studium in Deutschland bezahlen müssen. Schule, Universität und Arztbesuche einschließlich Medikamenten seien auf Kuba kostenlos. Nötige Lebensmittel, wie etwa Reis, Zucker und Milch würden vollständig oder teilweise vom Staat finanziert. Kuba habe ein vorbildliches Gesundheitssystem und hervorragend ausgebildete Ärzte, die in ganz Lateinamerika Leben retteten. Auch das kubanische Schulsystem sei glänzend. Flächendeckend und qualitativ hochwertig. Er bedauere uns, dass wir in Deutschland lebten. Bittere Kälte, Sozialleistungen nur gegen Bezahlung und kein Meer vor der Haustür.

Einen Liter Benzin bekomme er auf dem Schwarzmarkt für umgerechnet sieben Cent. Kaum jemand, kaufe sein Benzin für den regulären Preis. Obwohl er nur eine kleine Hütte besitzt und nicht vermögend ist, wirkt Macanao sehr zufrieden und überglücklich. Seine kleine Familie und der warme Atlantik. Mehr brauche er nicht, um glücklich zu sein.

Den Nachmittag verbringen wir am Strand, essen Eis, lesen und schwimmen. Mittlerweile steht die Sonne tief und die Temperaturen kühlen langsam ab. Wir laufen zurück zum Auto, um uns auf den Heimweg zu machen. Der erste Teil unserer Strecke ist nur über einen Schotterweg passierbar. Immer wieder behindern Schlaglöcher, weidende Pferde, Ochsen und Kühe unsere Fahrt. Schließlich erreichen wir die geteerte Landstraße. Weit und breit sind keine Autos zu sehen. Ab und an kleine Pferdekutschen oder Ochsenkarren.

Plötzlich winkt uns einer der am Straßenrand positionierten Polizisten hinaus. Andrès wird nervös. Hastig erklärt er uns, was wir dem Polizisten auf Nachfrage antworten sollen. Wir seien Freunde und er bekäme kein Geld von uns für die Fahrt. Andrès kurbelt die Scheibe herunter. Der Polizist redet mit ernster Stimme. Schnell und undeutlich. Wir verstehen kein Wort und haben nicht die geringste Ahnung was passiert ist. Minuten später lässt uns der Polizist weiterfahren. Auf unser Nachfragen hin erklärt uns Andrès abfällig wir wären im Überholverbot ordnungswidrig an einer Pferdekutsche vorbeigefahren.