Morón
Nach einem entspannten Tag bei Luis und Yanelli fahren wir am Nachmittag mit dem Bus weiter nach Ciego die Ávila. Von hier aus geht es mit Nancy, einer Chemie-Professorin der nahegelegenen Universität, in das etwa 30 Kilometer entfernte Morón, in unsere neue Unterkunft bei Marél und ihrem Mann. Orangenbäume und Bananenstauden soweit das Auge reicht. Sämtliche Früchte, die auf Kuba angebaut werden, ziehen an uns vorüber.
Marél empfängt uns sehr herzlich. Obwohl wir kaum Spanisch sprechen und sie kein Englisch, kommen wir schnell ins Gespräch und verstehen uns bestens. Erstaunlich was Mimik und Gestik alles bewirken können. Marél ist eine zierliche, liebevolle und kluge Frau, die wir sofort in unser Herz schließen.
Vor Sonnenuntergang machen wir einen Spaziergang zum berühmten Hahn von Moròn, dem Wahrzeichen der Stadt. Auf unserem Weg begegnen uns Männer, die ein Abbild Fidel Castros an eine Hauswand malen. Einen Stuhl, einen Pinsel und etwas Farbe. Mehr brauchen die Künstler nicht, um ein beeindruckendes Bild an die Wand zu pinseln. Wir kommen an einem Mann vorbei, der in einem großen, tiefen, eisernen Topf auf der Straße kocht. Der Topf wird von einem offenen Feuer angeheizt. Der Rauch zieht über die ganze Straße. Freunde und Verwandte sitzen im Schaukelstuhl auf der Veranda und schauen zu. Morón ist eine kleine, beschauliche Stadt, in der die Zeit still zu stehen scheint.
Mit diesen ersten Eindrücken genießen wir unser Abendessen mit leckerem Fisch, Malanga Fritas, schwarzen Bohnen und erfrischendem Fruchtcocktail. Nach dem Essen rufen unsere Gastgeber ihren Nachbarn Miguel als Dolmetscher zur Hilfe. Der pensionierte Englischlehrer setzt sich zu uns an den Tisch. Draußen ist es dunkel geworden und erfrischende Luft dringt durch Türen und Fenster. Auf unseren Wunsch hin zeigt uns Miguel die einsamsten Strände der Umgebung. Sie seien die schönsten Kubas und der ganzen Karibik.
Der 62-jährige Miguel spricht sehr verständliches und fließendes Englisch. Bereits in der Grundschule sei er von seinem Vater auf eine amerikanische Schule geschickt worden. Schnell merken wir, dass Miguel außergewöhnlich gebildet und gut informiert ist. Trotz Presseeinschränkungen und Informationsunterdrückung kennt er sich exzellent aus mit dem Geschehen in Deutschland und dem Rest der Welt. Sein Vater habe in den Jahren vor der Revolution ein kleines Kino besessen. Daher habe er bereits als Kind sehr viel über entfernte Länder gesehen und erfahren. Als die Revolution hereinbrach, habe er die bewegten Bilder aus dem Kino durch internationale Radioprogramme ersetzt, um weiterhin das Geschehen in anderen Teilen der Welt zu verfolgen. Seit jenen Tagen sei es sein größter Kindheitstraum, einmal in ein fremdes Land zu verreisen. Doch die strengen Ausreisebestimmungen und der niedrige Verdienst, würden das Verlassen des Landes für gewöhnliche Kubaner schier unmöglich machen. Keiner, weder Miguel noch unsere Gastgeber, haben Kuba je verlassen.
Die kubanische Bevölkerung erhalte ihre Löhne in nahezu wertlosen Peso nacional (CUP). Lediglich das Nötigste lasse sich hiermit bezahlen. Begehrte Waren hingegen seien nur mit den an den Dollar gekoppelten Peso convertible (CUC) erhältlich. Miguel habe als Lehrer, einer der bestbezahlten Berufe Kubas, monatlich 500 Peso nacional verdient, was in etwa 20 Peso convertible und somit circa 15 Euro entspricht. Auf die Frage, ob er glaube, dass sich nach der Regierung Castro etwas im Land ändere, schweigt der alte Mann zunächst. Er rede nicht gerne über politische Themen. Jeder beobachte jeden in Kuba. Dies könne zu einer langen Haftstrafe führen. Dieses harte Schicksal sei seinem Vater widerfahren. Schließlich antwortet er mit leiser Stimme, er hoffe es.
Die Zeit verfliegt und die Zeiger der Uhr sind kurz vor Mitternacht. Doch Miguel hat noch zwei brennende Fragen, deren Antworten ihn bereits seit Jahren interessierten. Kommt der Hamburger aus der Stadt Hamburg? Gibt es einen Zusammenhang zwischen den englischen Wörtern jewelry und jew? Müde und voller Vorfreude auf den morgigen Tag, verabschieden wir uns von Miguel, bauen unser Moskitonetz auf und fallen zufrieden in unser Bett.
9:00 Uhr. Mit einem Taxi fahren wir nach Cayo Coco. Eine nahezu einsame, karibische Insel an der Nordküste Kubas. Auf der Koralleninsel gibt es, außer den Beschäftigten in der Tourismusbranche, keine Einheimischen. Die kleine Insel ist über einen kilometerlangen Damm mit dem Festland verbunden. Links und rechts der schnurgeraden, schmalen Landbrücke das weite Meer. Bevor wir diese sehenswerte Straße befahren dürfen, müssen wir einen polizeilichen Kontrollpunkt passieren, welcher Ausländer von der einheimischen Bevölkerung trennt. Im Wasser stehen unzählige Flamingos mit ihrem leuchtend rosafarbenen Gefieder. Pelikane und andere exotische Wasservögel gleiten nur knapp über den fischreichen Gewässern. Ruckartig stürzen sie sich ins Wasser und tauchen mit einem Fisch im Schnabel wieder auf. Ein unvergessliches, traumhaftes Bild. Auf der weitestgehend naturbelassenen Insel gibt es viele einzigartige Tiere und Pflanzen ober- als auch unterhalb der Wasseroberfläche. In den sumpfigen Gebieten der Insel ist es keine Seltenheit, dass Krokodile die Straße überqueren. Wilde Kühe stehen auf den menschenleeren Straßen und weiden.
Da es nur wenig Tourismus auf der Insel gibt, können wir von einer kleinen Strohhütte am Playa Prohibides aus viele hundert Meter verlassenen, weißen, pulvrigfeinen Sandstrand bestaunen. Unter der brennend heißen Sonne laufen wir am Strand entlang, bis wir an einem kleinen Felsen den für uns perfekten Platz gefunden haben. Das Wasser ist in sämtlichen Nuancen türkisblau und unglaublich klar und durchsichtig. Jedes Detail des Meeresbodens ist für uns sichtbar. Viele kleine, bunte Fischschwärme teilen sich mit uns das herrlich warme Wasser des Atlantiks. Leichte Wellen bringen Abkühlung, während wir uns vom Wasser und der Ruhe tragen lassen. Die sagenhafte Weite und viele Kilometer verlassener, karibischer Sandstrand geben uns für einige Augenblicke das Gefühl im Paradies angekommen zu sein.
Das Trinkwasser ist leer. Starker Durst treibt uns in Richtung einer von weitem zu sehenden Hütte. Da die Strände wild sind und die Bäume oft bis ins Wasser ragen, führt der einzige Weg durch das Meer. Der Weg scheint endlos zu sein und das Ziel so weit entfernt. Nach einer anstrengenden Wanderung durch Wasser und Sand, gönnen wir uns an der so lang ersehnten Oase am Playa Flamencos eisgekühltes Wasser. Auf dem Rückweg zum Playa Prohibides fängt unsere Haut bedenklich an zu brennen. Doch an diesem kilometerlangen Strand gibt es keine Palme und keinen Baum, die uns wirklich Schatten spenden könnten. Spürbar schwinden unsere Kräfte. Aus mitgebrachten Handtüchern, zusammengesuchten Plastikfolien und getrockneten Holzstöcken bauen wir ein Sonnensegel, um uns ein paar Minuten abzukühlen und auszuruhen.
Im Glauben einen Weg und somit eine Abkürzung gefunden zu haben, gehen wir in Richtung des Inselinneren. Voll bepackt folgen wir erschöpft einem Weg, der hoffentlich zu unserem Ziel führt, der Strandbar am Playa Prohibides. Geschafft. Eine größere Straße ist in Sicht. Wir retten uns von Schattenplatz zu Schattenplatz. Immer wieder legen wir kurze Pausen ein, um der glühenden Sonne zu entgehen. Das Wasser ist uns schon vor einiger Zeit ausgegangen und das letzte Auto kam vor etwa einer halben Stunde vorbei. Die Hitze lässt den Horizont verschwimmen. Mit einem heftigen Sonnenbrand und völlig entkräftet erreichen wir schließlich nach sieben Stunden in der Hitze unser Ziel. Mit Schmerzen fallen wir am Abend in unser Bett und hören nicht einmal mehr, dass Miguel vorbeikommt, um sich nach uns zu erkundigen.
Einigermaßen erholt von einem anstrengenden Tag im Paradies erklären wir Marél am Frühstückstisch, dass wir gerne um 13:00 Uhr mit dem Zug weiter nach Nuevitas fahren möchten. Marél und die anderen sind nicht begeistert von unserer Idee mit dem Zug reisen zu wollen. Der Bus sei viel bequemer und speziell für Touristen vorgesehen. Wir lehnen ab. Wir möchten das wahre Kuba, die normale Bevölkerung und den alltäglichen Transport kennenlernen und erleben. Darüber hinaus ist der Zug um ein Vielfaches günstiger als der Bus. Wir fragen nach, in welcher Währung wir den Zug bezahlen müssen. Sie verlässt die Küche und schenkt uns kurz darauf das nötige Geld für unsere beiden Zugtickets, elf Peso nacional. Darüber hinaus drückt sie uns eine Münze mit dem Abbild Ché Guevaras als Andenken in die Hand. Nach dieser tollen Geste müssen wir uns leider schon von Marél und ihrem Mann sowie Miguel, dem gutherzigen, alten Mann verabschieden. Die drei sind uns in den wenigen Tagen sehr ans Herz gewachsen und wir gehen wirklich nur ungern.
Am Bahnhof angekommen, scheint die Sprache zu einer unüberwindbaren Barriere zu werden. Wir stehen am Schalter und sagen wie mit Marél abgesprochen: "Dos, Nuevitas!". Die Dame hinter dem Tresen antwortet uns in Spanisch. Schnell und undeutlich. Wir verstehen kein Wort. Ein junger Mann hinter uns in der Warteschlange erklärt uns schließlich mit seinem begrenzten Englischwortschatz, dass der Zug zwei Stunden Verspätung habe.
Wir passen uns der gelassenen kubanischen Mentalität an und setzen uns in den nahegelegenen Park. Von einer Holzbank aus schauen wir den Pferdekutschen zu, die vor dem Bahnhof als Taxis auf Kundschaft warten.
Nach einer Stunde Wartezeit schauen wir in der Bahnhofshalle nach, ob wir unser Ticket bereits kaufen können. Menschenmassen drängen sich vor dem beengten Schalter. Am Gleis fährt ein Zug vor. Vorsichtshalber stellen wir uns in der Reihe an. Der junge Mann von vorhin lächelt uns zu. Das ist wohl die Schlange für unseren Zug. Dieser hat nicht zwei Stunden Verspätung, sondern fährt um 14:00 Uhr ab. Das kleine Missverständniss hätte unsere Abreise beinahe um zwei Tage verschoben. Wir bekommen zwei der letzten Tickets und rennen zum Bahngleis. Wir schauen in die Waggons. Alles voll. Wir schauen uns an. Sind geschockt. Mit diesem durchgerosteten Zug fahren wir nach Nuevitas.