Havanna

Casa Mariveli Sexteto Kamaraco

"Verehrte Fluggäste, soeben wurde mir mitgeteilt, dass auf der Bordtoilette heimlich geraucht worden ist. Ich möchte sie daran erinnern, dass das Rauchen an Bord strengstens untersagt ist. Wir befinden uns mitten über dem Atlantik. Ein Feuer an Bord können wir in dieser Position wirklich nicht gebrauchen." Mit diesen Worten des Co-Piloten beginnt unser einzigartiges Rucksackerlebnis. Zusammen mit nahezu ausschließlich Kubanern sitzen wir im Flugzeug in Richtung Havanna, Kuba. Nach verspätetem Abflug infolge zweier Hurrikans in der Karibikregion und elf kurzweiligen Flugstunden landen wir gegen 17:45 Uhr Ortszeit in der Hauptstadt der größten karibischen Insel.

Das Klima ist tropisch-feuchtheiß. In einem Taxi fahren wir in Richtung Habana Vieja, der Altstadt Havannas. Populistische Parolen des Sozialismus und Bilder Ché Guevaras entlang der holprigen Straßen. US-Oldtimer aus vorrevolutionärer Zeit, überwiegend aus den 50er Jahren, prägen das nostalgische Straßenbild. Aufdringlicher Geruch von Diesel und Benzin liegt in der Luft. Menschen sitzen vor ihren baufälligen Häusern oder tummeln sich in den lebendigen Gassen. Der außergewöhnliche Charme dieser Stadt mit ihren über zwei Millionen Einwohnern verzaubert uns seit dem ersten Augenblick.

Plötzlich bremst unser Taxi ab. Ein altes Haus inmitten der Altstadt. Wir sind am Ziel. Kurze Zeit später werden wir von Marita herzlich empfangen. Marita ist Deutsche und seit 15 Jahren mit einem Kubaner verheiratet. Sie kümmert sich liebevoll um uns und führt uns nach einem ersten aufschlussreichen Gespräch in unser bescheidenes Zimmer. Da für die Einreise nach Kuba eine Unterkunft für die ersten drei Nächte erforderlich ist, haben wir Casa Mariveli bereits vorab aus Deutschland gebucht. Zusammen mit ihrem Mann vermietet Marita in ihrem verwinkelten Haus zwei Räume mit eigenem Bad. In Kuba vermieten zahlreiche Familien einfache Zimmer und Appartements, sogenannte Casas Particulares. Offizielle Unterkünfte sind durch ein kleines blaues Schild am Hauseingang für Reisende leicht zu erkennen.

Langsam wird es dunkel. Auf Empfehlung Maritas besuchen wir das traditionsreiche Hotel Inglaterra, um Evelio und seiner Musikgruppe Sexteto Kamaraco zuzuhören. Evelio, Maritas Ehemann, spielt in einer traditionell kubanischen Band, die es hier scheinbar in jeder Bar und in jedem Restaurant gibt. Untermalt von leidenschaftlicher Musik verfolgen wir von der Terrasse aus das aufregende Treiben rund um den Parque Central. Wir bestellen unseren ersten kubanischen Cocktail. Der landestypische Cuba Libre ist ungewohnt stark und gewöhnungsbedürftig. Evelios Bandkollegen sind außerordentlich nett. Neugierig welche Musikinstrumente in Deutschland verbreitet seien, ergibt sich eine interessante und lustige Unterhaltung. Ausnahmslos ein wunderschöner und ausgelassener Beginn unseres Abenteuers. Müde und völlig erschöpft fallen wir nach über 24 Stunden ohne Schlaf in unser weiches Bett.

Calle Obispo Partagás - Real Fabrica de Tabacos

6:00 Uhr. Erste Sonnenstrahlen blitzen in unser Zimmer. Nach nur wenigen Stunden ist die Nacht für uns vorbei. Die Zeitumstellung und das eiskalte Wasser unserer Dusche stellen uns vor ungeahnte Herausforderungen.

Im Esszimmer erwartet uns Marita bereits mit einem reichhaltig gedeckten Frühstückstisch. Leckeres Omelette, Brötchen, Butter, Schinken, Käse, Gelee, Banane, Ananas, verschiedene Melonensorten, Guave, schwarzer Tee und frisch gepresster Wassermelonensaft. Gestärkt und voller Tatendrang machen wir uns auf, die Stadt zu erkunden.

Vom Parque Central aus durchqueren wir über die Einkaufsstraße Calle Obispo den kolonialen Altstadtkern bis hin zum Plaza de Armas. Vorbei an vielen kleinen Bars, Cafes und Restaurants gelangen wir zum Castillo de la Real Fuerza, der ältesten Festung Kubas. Einst erbaut zum Schutz vor Piraten und Seeräubern. Von hier aus haben wir einen ausgezeichneten Blick auf den berühmten Hafen Havannas. Weiter geht es über den Plaza Vieja zum prachtvollen, im Stil der Renaissance errichteten, Capitolio. Immer wieder werden wir nach etwas Kleingeld und Süßigkeiten gefragt.

Zum Abschluss des heutigen Tages, besuchen wir die älteste Zigarrenfabrik Kubas Partagás - Real Fabrica de Tabacos. Intensiver, würziger Geruch feinster Tabakblätter liegt in der Luft der alten Manufaktur. Merklich verändert sich das Aroma des edlen Tabaks über die verschieden Bearbeitungsstufen. Hunderte von Menschen fertigen in liebevoller Handarbeit eines der wichtigsten Exportgüter Kubas. Es gilt als Privileg hier zu arbeiten. Musik tönt aus den Lautsprechern, Zigarrenrauch ist allgegenwärtig. Zweimal täglich liest einer der Mitarbeiter aus der Tageszeitung vor. Die Atmosphäre ist entspannt und fröhlich. Arbeitsstress sieht anders aus. Die Mitarbeiter singen, lachen und rauchen.

Die Sonne ist längst untergegangen. Auf der Suche nach einem gemütlichen Restaurant schlendern wir über die imposante Uferpromenade Malecón. Gut gelaunte Menschen sitzen entlang der Kaimauer, feiern und trinken hochprozentigen Rum. Wir betreten ein kleines Restaurant mit Balkon und herrlichem Meeresblick. Bei Tortilla, Paella und unserem ersten kubanischen Mojito lassen wir den Abend besinnlich ausklingen. Nachts die ersten Magenprobleme. Die Paella, der Mojito, die Eiswürfel?

Monument Maximo Goméz Fortaleza de San Carlos de la Cabaña Plaza de la Revolución Cementerio Cristóbal Colón El Floridita

Mittwoch. Heute möchten wir uns das Monument Maximo Goméz in der Nähe des Hafens ansehen. Ein bedeutender militärischer Führer im Unabhängigkeitskrieg gegen die spanische Kolonialmacht Ende des 19. Jahrhunderts. Kaum zu glauben, was wir sehen. Ein alter Mann bewohnt mit seiner Frau das historische Denkmal. Wir treten näher und kommen mit einem netten Mann ins Gespräch. Er beginnt zu erzählen. Der Mann wohne bereits seit über 40 Jahren hier und bewache das Monument. Wir sehen einen finsteren Tunnel versteckt inmitten des Denkmals, der zur anderen Seite der Bucht führt. Es riecht abstoßend. Keine Türen, keine Fenster, keine Tapeten. Alles ist feucht. Es gibt eine Kochplatte, ein Bett und einen Fernseher. Mehr passt nicht hinein. Als wir gehen wollen, berichtet uns der Mann von seinem größten Wunsch. Einmal zum Oktoberfest. Falls er eines Tages reisen dürfe, wie, wann und wohin er wolle.

Wir kehren nochmals zurück zum beliebtesten Treffpunkt Havannas, dem Malecón. Aus der Ferne betrachten wir die alte Hafenfestung Fortaleza de San Carlos de la Cabaña auf der anderen Seite der Bucht. Teile dieser imposanten Festung dienen bis heute als Militärkaserne. Allabendliche Kanonenschläge schallen vom Fort aus durch die Stadt.

Entlang der kilometerlangen Küstenstraße bietet sich bei Tageslicht ein charakteristisches Abbild der einst glanzvollen Metropole. Bröckelnde Fassaden, eine inzwischen farblose Häuserfront und viele kleine Baustellen offenbaren den unaufhaltsamen Verfall der "alten Dame der Karibik", wie die Kubaner ihre traditionsreiche Hauptstadt liebevoll nennen. Dennoch oder gerade deswegen ist und bleibt Havanna ein lebender Mythos.

Nach unserem Besuch des Museo de la Revolución spazieren wir durch die Straßen. Plötzlich hält nur wenige Meter vor uns eine alte Pferdekutsche. Höflich bietet uns der Kutscher eine Stadtrundfahrt an, was wir jedoch ablehnen. Stattdessen möchten wir weiter zum Plaza de la Revolución. Eine Sitzstatue José Martís, der als Symbol des Unabhängigkeitskrieges gegen die Spanier gilt und ein riesiger Obelisk prägen das Bild des Platzes. Berühmte Ansprachen Castros, militärische Paraden und riesige Volksversammlungen ereigneten sich hier. Der Platz ist umgeben von mächtigen Regierungsgebäuden. Darunter auch das Innenministerium, das durch ein gewaltiges Portrait Ché Guevaras hervorsticht. Polizisten an jeder Ecke der Stadt. Ein außergewöhnlich sicheres Gefühl auf den Straßen. Ein ekelhafter Polizeistaat, mit ständiger Überwachung.

Ein Spaziergang um den katholischen Friedhof Cementerio Cristóbal Colón erstreckt sich zur endlosen Wanderung. Mit etwa einer Million Bestattungen, die größte Begräbnisstätte Amerikas. Unzählige Familien-Gräber, Mausoleen, Galerien und Grabkapellen bilden die prunkvolle "Stadt der Toten". Es ist schon ziemlich spät und dunkel. Trotz ausgiebiger Suche haben wir immer noch kein Taxi gefunden, das uns zurück in die Altstadt bringt. Als wir einen offenen Stadtrundfahrtbus erblicken, springen wir auf und genießen das Cabriofeeling in 30°C heißen, karibischen Nächten.

Frei nach Hemingways Motto "My Daiquiri in the Floridita ..." gönnen wir uns zu später Stunde zwei ausgesprochen leckere Daiquirís im El Floridita, der legendären Bar in Habana Vieja. Ein Blick auf die Speisekarte lässt unseren Hunger schnell vergehen. Die Preise sind unverhältnismäßig hoch. Auf dem Weg zurück in unsere Unterkunft schenkt uns ein Bäcker frische, noch warme Brötchen, die ganz ausgezeichnet schmecken und unseren Hunger stillen.