Cienfuegos

Vor Sonnenaufgang sind wir an der Bushaltestelle. Auf einer Parkbank warten wir auf den Bus. Nach einer Stunde kommt eine Frau der Busgesellschaft auf uns zu. Der Bus käme heute nicht. Er sei kaputt und es gäbe keinen Ersatz. Der nächste Bus fahre erst nachmittags. Eine Frau, die ebenfalls mit dem Bus fahren wollte, fragt nach, ob wir nach Cienfuegos möchten. Zusammen mit weiteren Leidtragenden des defekten Busses teilen wir uns ein Taxi. Der Oldtimer, mit dem wir nach Cienfuegos fahren, ist am Boden bereits durchgerostet. Unter unseren Füßen ist die Straße zu sehen. Doch er fährt.

In Cienfuegos angekommen, suchen wir eine Unterkunft für die kommenden Nächte. Die erste Casa Particular, bei der wir klingeln, ist belegt. Doch bei der zweiten haben wir Glück. Für die nächsten zwei Nächte bekommen wir ein kleines Zimmer. Nicht sehr komfortabel, aber es reicht.

Für den nächsten Tag versuchen wir einen Ausflug an die Schweinebucht und die Krokodilfarm in Guáma zu buchen. Vergeblich. Kein einziges Büro kann uns das passende Angebot unterbreiten. Enttäuscht sind wir auf dem Weg zur Busstation. Dort möchten wir uns die Weiterreisemöglichkeiten anschauen und anschließend entscheiden, wie und wohin es uns verschlägt. Ein Mann kommt uns entgegen. Er fragt, wohin wir gerne möchten. Wir erklären ihm unsere Pläne. Erst zur Krokodilfarm, später zur Schweinebucht und bestenfalls abends Viñales erreichen. Er unterbreitet uns ein Angebot. Er hole uns am nächsten Morgen ab und nehme uns bis nach Havanna mit. Auf dem Weg mache er am Playa Gíron in der Schweinebucht und der Krokodilfarm halt. Wir sind nicht sicher. Das Busangebot möchten wir uns schon gerne noch anschauen und danach entscheiden. Der Mann gibt uns seine Telefonnummer, damit wir uns bei ihm melden können, falls wir uns dazu entschieden mitzufahren.

Allerorts ist die Begierde nach Peso convertible spürbar. Viele versuchen sich nebenbei etwas dazuzuverdienen. Immer wieder bekommen wir gefälschte Zigarren, unetikettierten Rum, nicht lizenzierte Taxifahrten und Unterkünfte angeboten. Alles stets illegal. Doch die verführerischen Produkte der Touristen machen die einheimische Bevölkerung gierig. Insbesondere durch nicht lizenzierte Taxifahrten mit Privatpersonen lässt sich bei vergleichsweise geringem Risiko einiges Geld sparen. Offizielle Taxifahrten sind unverhältnismäßig kostspielig und erschweren somit die Fortbewegung.

Der Besuch der Busstation bringt uns leider keine neuen Erkenntnisse. Wir entschließen uns das Angebot des Fremden anzunehmen. Kurzfristig buchen wir unsere Unterkunft von zwei auf eine Nacht um. Vergeblich versuchen wir den Mann anzurufen. Wir werden es später noch einmal probieren.

Gegen Abend unternehmen wir einen ausgiebigen Spaziergang durch den Kern der Stadt. Auf dem Malécon, der direkt vor unserer Haustür beginnt, schlendern wir dem Sonnenuntergang entgegen. Auf dem Rückweg füllt sich die Promenade mit Menschen. Die Kaimauer füllt sich allmählich. Straßenverkäufer öffnen ihre kleinen, bunt geschmückten Hütten. Getränke und Speisen werden angeboten. Männer und Frauen kommen uns in exotischen Kostümierungen entgegen. Der Karneval bereitet sich für den großen Umzug vor. Die Menschen sind ausgelassen. In Karnevalstimmung tanzen und singen sie in den Straßen. Cienfuegos verwandelt sich in eine verrückte, laute und bunte Stadt. Vor unserem Haus treffen wir zufällig den Mann von nachmittags wieder. Wir vereinbaren Uhrzeit und Treffpunkt für den nächsten Morgen.

La Boca La Boca La Boca

Am Morgen frühstücken wir auf der riesigen hauseigenen Dachterrasse. Strahlender Sonnenschein. Wir haben einen wunderschönen Blick auf den Hafen und das karibische Meer.

Dayron, der Mann vom Vortag, holt uns mit einem zweiten, jüngeren Mann ab. Wenige Minuten später verabschiedet sich Dayron. An einer Ampel springt er aus dem stehenden Auto. Wir fahren mit dem fremden, jungen Mann alleine weiter. Wir kennen weder seinen Namen, noch haben wir ihn jemals vorher gesehen. Plötzlich halten wir in einem kleinen Dorf an. Ein Freund von ihm steigt zu. Wenige Meter weiter an einer Tankstelle steigt schließlich auch noch unser Fahrer aus und wechselt gegen einen weiteren Fremden. Nun sind wir also mit zwei völlig anderen Männern in Richtung Havanna unterwegs.

In Girón in der Schweinebucht angekommen, fährt der Fahrer zielstrebig durch das kleine Dorf hindurch. Wir sprechen die Männer darauf an, dass wir mit Dayron ausgemacht haben, uns das Museum in Girón anschauen zu können. Die beiden wissen nichts davon, drehen aber um, sodass wir das Museum in Ruhe besuchen können. Hier sind zahlreiche Ausrüstungsgegenstände und Informationen zur Invasion in der Schweinebucht ausgestellt. im April 1961 landeten Exilkubaner mit der Unterstützung der Vereinigten Staaten von Amerika am Playa Girón. Die USA wollten gemeinsam mit den Exilkubanern gegen die Revolution Fidel Castros ankämpfen und scheiterten.

Die Fahrt geht weiter. Jedes Mal, wenn ein Kontrollpunkt der Polizei zu sehen ist, gibt der Fahrer uns ein Zeichen. Daraufhin sollen wir möglichst schnell und unauffällig die getönten Scheiben des Kleinwagens hochkurbeln. Wenige Kilometer weiter halten wir erneut, um die Krokodilfarm La Boca nahe des Indianerdorfes Guamá zu besuchen. Die Farm befindet sich in einer gepflegten Parkanlage. Großzügige Grünflächen und kleine Brücken über künstlich angelegte Seen bilden ein harmonisches Ambiente. In großen und kleinen Becken leben verschiedene, vom Aussterben bedrohte Krokodilarten. Von frisch geschlüpften Babys über junge Krokodile bis hin zu ausgewachsenen, mächtigen Echsen können wir hier alles bewundern. Für ein kleines Trinkgeld dürfen wir eines der Jungtiere auf Arm und Schulter nehmen. Der Bauch dieser faszinierenden Tiere fühlt sich ganz warm und kuschelig weich an.

In einem Pavillon sorgt eine Musikgruppe für ausgelassene Stimmung und animiert zum mittanzen. Am Gehege der ausgewachsenen Krokodile, kommt ein Pfleger mit einem Echsenbaby näher. Das Tier ist so leicht, dass wir es kaum spüren. Das kleine Reptil klettert auf unseren Schultern. Wir sind begeistert und zugleich ehrfürchtig vor der erstaunlichen Kraft der erwachsenen Tiere. Im dunklen, sumpfigen Gewässer schwimmen die beängstigenden Raubtiere. Immer wieder blitzen ihre riesigen Augen und Nasenlöcher kurz auf und lassen ihre Position für einen kurzen Augenblick erahnen.