Banes

Bicitaxi

Unsere Reise nach Banes beginnt früh morgens um 4:30 Uhr, als Eduardo uns weckt. Um 6:00 Uhr fahren wir mit dem Zug, diesmal in einem Personenwaggon, in das 75 Kilometer entfernte Camagüey. Langsam haben wir das Gefühl Geld sparen zu müssen, daher kommt uns die günstige Zugfahrt von umgerechnet etwa 20 Cent ganz gelegen.

Als wir um 8:30 Uhr in Camagüey ankommen, sind die Geschäfte leider noch geschlossen. In den schlichten Schaufenstern niederländisches und deutsches Bier, europäische Kosmetikartikel sowie Rundfunk- und Fernsehgeräte, die nicht mehr dem neusten Stand der Technik entsprechen. Das ganze für viel Geld, für die normale Bevölkerung schier unbezahlbar. Camagüey ist eine schöne Stadt mit zahlreichen Kirchen und vielen kleinen Plätzen. Bereits früh morgens sind die Straßen dicht gefüllt. Überall Bicitaxis. Wieder versuchen wir ein bisschen Geld zu sparen und gehen zu Fuß zur Busstation. Von hier aus möchten wir mit dem Bus nach Holguín fahren. Seit über einer Stunde irren wir nun mit dem Rucksack auf dem Rücken umher. Bis wir schließlich einen älteren Herren nach dem Weg zur Busstation fragen. Da er sich auch nicht ganz sicher ist, entscheiden wir uns doch für die einfache Variante und rufen ein Bicitaxi herbei. Die richtige Entscheidung in Anbetracht der Fahrtzeit.

Wir erreichen die Busstation, steigen vom Fahrrad und laufen in Richtung der Eingangshalle. Überall Taxis. Leider können wir uns nicht auf die Warteliste setzen lassen, lernen aber stattdessen den italienischen Künstler Jacopo kennen, der uns auf Anhieb sympathisch ist.

Um uns die lange Wartezeit zu verkürzen, schauen wir uns in der Nähe der Busstation ein wenig um. Für umgerechnet 20 Cent essen wir zum ersten Mal kubanische Pizza am Straßenstand. Außerordentlich fettig. Der Käse läuft an allen Seiten herunter, doch wir sind überglücklich ein preisgünstiges und sättigendes Mittagessen gefunden zu haben. Wir setzen uns an den Straßenrand, um unsere Pizza zu genießen. Plötzlich spricht uns ein fremder Mann an. Er spricht ein wenig Deutsch, was er sich mit Hilfe eines Wörterbuches beigebracht habe. Fußball sei seine große Leidenschaft. Begeistert nennt er uns die Namen einiger deutscher Nationalspieler. Die Zeit vergeht und unser Bus fährt in wenigen Minuten ab. Zum Abschied schenkt uns der Mann eine seiner Sternfrüchte, die er sorgfältig in einem Korb mit sich trägt. Sein einziges Geschäft. Trotz der Armut im Lande ist er nicht der Erste, der uns mit einer Kleinigkeit beschenkt.

Wir kehren zur Busstation zurück. Private Taxifahrer belagern uns vor der Wartehalle, sodass ein Durchkommen fast unmöglich ist. In der Halle kommt uns Jacopo entgegen und bietet uns zwei freie Plätze in einem Taxi Particular an. Privatleute, die einen illegal in ihrem Auto mitnehmen. Der Fahrer käme aus Holguín und nehme uns für den Buspreis mit dorthin. In der Stadt sich zahlreiche Polizisten unterwegs. Zu Fuß, mit Motorrad oder Auto. Dennoch brechen wir erneut das Gesetz, kommen dafür aber schneller und bequemer an unser Ziel. Auf dem Weg dorthin sehen wir einige Verkäufer, die am Straßenrand ihr Obst anbieten. Jacopo kauft ein Bündel einer fremden Frucht, die wir vorher noch nie gesehen haben. Sie ist in etwa so klein wie eine Walnuss, hat eine dünne, grüne Schale und einen dicken, braunen Kern. Beißen wir die Schale auf, lässt sie sich leicht ablösen und die Frucht, fast wie ein Bonbon lutschen.

Holguín. Die Wege von Jacopo und uns trennen sich hier. Er steigt in ein anderes Taxi um. Wir fahren mit dem Mann weiter nach Banes, einer beschaulichen Stadt im Nordosten Kubas. Eine friedliche Fahrt durch idyllische Bergdörfer. Hinter jedem Hügel versteckt sich ein weiteres träumerisches Tal. Die bisher für uns schönste Gegend Kubas. Immer wieder kommen uns Ochsenkarren auf den schmalen Wegen entgegen. Mit seinen vielen kleinen Restaurants und Geschäften ist Banes sehr gemütlich und einladend. Die Häuser mit ihren runden Säulen lassen die Stadt wie einen Westernfilm auf uns wirken.

Unsere Unterkunft ist einfach, hat Bett und Bad. Wir sind zufrieden. Wir können schlafen und duschen. Mehr brauchen wir auf unserer Reise nicht.

Guardalavaca

Um 9:00 Uhr holt uns am nächsten Morgen ein junger Mann ab. Er bringt uns zum Strand von Guardalavaca. Während der Fahrt fällt uns erneut auf, wie wichtig Hupe und Radio für einen Kubaner sind. Das Auto mag noch so kaputt sein, die Tankanzeige funktioniert nicht, die Lichter sind defekt, aber die Hupe und das Radio versagen nie. Jedes Mal wenn ein Bekannter oder eine Frau am Straßenrand zu sehen ist, wird gehupt. Laute Musik, vorzugsweise kubanischer Reggaeton, tönt aus den Wagen. Die Fenster sind heruntergekurbelt, da die Hitze sonst unerträglich wäre.

Der Strand von Guardalavaca ist traumhaft schön. Viele Bäume und Palmen spenden Schatten und das türkisblaue Meer ist eine willkommene Abkühlung. Der Strand ist voller Menschen. Während Yvonne sich im Schatten ausruht, spielt Steffen mit ein paar kubanischen Jungs Fußball. Der tiefe Sand und die unbeschreibliche Hitze, lassen die Kräfte jedoch schnell schwinden.

Zurück in Banes kaufen wir jede Menge frisches, leckeres Obst. Vor einem kleinen, verlassenen Hotel spielt eine Band und Menschen jeden Alters tanzen, singen und lachen dazu. Ein schönes Bild der Unbeschwertheit dieses Volkes. Auf dem Heimweg kommen wir an einem typisch kubanischen Park vorbei. Als wir uns einige Minuten auf einer der Bänke ausruhen wollen, kommen wir mit einem jungen Englischlehrer ins Gespräch.

Er ist sichtlich erfreut, als er hört, dass wir Deutsche sind. Deutsche seien überaus klug und gebildet, was sie stark von den vielen Italienern hier in Kuba unterscheide. Besonders erschreckend seien jedoch Nordamerikaner, die er als ungebildet und oberflächlich wahrnehme.

Eingeschüchtert schaut sich der Lehrer vor jedem Satz um, aus Angst beobachtet oder belauscht zu werden. Er beklagt die fehlende Meinungsfreiheit und die ungerechten Missstände innerhalb Kubas. Unterscheide zwischen dem vermögenderen Westen und dem ärmeren Osten. Ungleichheiten im Einkommen der einzelnen Branchen. So sei das Einkommen in der Tourismusbranche um ein Vielfaches höher, als in vergleichbaren Branchen. Nicht das eigentliche Gehalt, sondern vielmehr die zusätzlichen Trinkgelder stellten das Einkommenssystem völlig auf den Kopf. Diese leicht verdienten Zusatzeinnahmen ermöglichten teure ausländische Produkte zu erwerben, welche für die restliche Bevölkerung nahezu unerschwinglich seien. In Anbetracht eines durchschnittlichen Einkommens von umgerechnet zehn Euro monatlich, seien die hohen Trinkgelder der Urlauber maßlos. Die Verlockung der Tourismusbranche sei groß. Fast jedes Kind träume heute davon im Tourismus Geld zu verdienen. Ärzten und Lehrern sei es verboten im Tourismusbereich zu arbeiten, da diese Berufe bereits knapp seien. Aber für die Bevölkerung unverzichtbar.

Der redegewandte Lehrer ist überaus freundlich und berichtet uns viele ungeahnte Details. Prostitution und der Kontakt mit Drogen seien in Kuba strengstens verboten und würden hart bestraft. Wie einst der Besitz des US-Dollars. Auch das Töten einer Kuh sei bereits eine Straftat.

Um uns herum ist es dunkel geworden. Nur die nostalgischen Laternen des Parks erhellen unsere kleine Sitzgelegenheit. Scharenweise junge Menschen, etwa unseren Alters strömen in den Park. Wenige Meter von uns entfernt ist ein angemalter Party-LKW vorgefahren. Reggaeton tönt aus seinen gewaltigen Lautsprechern. Eine Diskothek unter karibischem Himmel, bei über 30 Grad. Kubanischer Rum und Bier fließen in Massen. Ausgelassene Stimmung. Die leicht bekleideten Mädels und Jungs bewegen sich zum Takt der impusliven Musik. Die Jugendlichen folgen überwiegend US-amerikanischen Modetrends. Mädels tragen Miniröcke und Jungs die Hosen tief.

Als wir spät am Abend aufbrechen, fragt uns der junge Lehrer, ob wir ihm eine Kleinigkeit geben könnten. Vielleicht ein altes T-Shirt oder ein wenig Geld. Wir schenken ihm eine unserer Seifen. Dankbar deutsche Seife erhalten zu haben, verabschiedet er sich freudestrahlend. Die ganze Nacht schallt die lautstarke Musik durch die kleine Stadt. Jeden Freitag, jeden Samstag.

Playa de Morales Playa de Morales

Sonntag. Wir möchten per E-Mail ein Lebenszeichen nach Deutschland senden. Doch in der ganzen Stadt gibt es für uns keine Möglichkeit eine E-Mail zu schreiben. Internetzugänge sind in Kuba sehr rar und wenigen ausgewählten Personen vorbehalten. Darunter Ärzte, Schulen und Betriebe. Auch wenige wohlhabende Privatpersonen haben Zugang zum Internet. Jedoch nur sehr eingeschränkt. Viele Internetseiten sind zenziert oder gesperrt. In touristischen Gebieten gibt es für Ausländer kleine Cafes mit vollwertigen Internetzugängen. Die Preise sind hoch und die Geschindigkeit langsam.

Kurz darauf fahren wir zum Playa de Morales, um uns dort ein wenig auszuruhen und zu entspannen. Hier baden ausschließlich Kubaner. Die Bewohner des Strandes leben direkt am Ufer. Der feine, weiße Sandstrand ist gleichzeitig die Terrasse. Die Badewanne ist der Atlantik. Die Kinder spielen in ihren Ferien in der Brandung. Sie springen von kleinen Felsen ins kühle Meer. Wir liegen einige Meter abseits der kleinen Siedlung im Sand, genießen die wohltuende Stille und die angenehme Abgeschiedenheit.

Am Abend kündigt sich ein Gewitter an. Die Lichter flackern. Ab und zu fällt der Strom komplett aus. Wir sitzen im Dunkeln. Gegen 20.00 Uhr fahren wir mit einem Taxi Particular nach Holguín, um von dort aus nachts weiter nach Baracoa zu fahren. Die Fahrt nach Holguín ist grauenvoll. Es regnet stark. Der Fahrer kann kaum etwas sehen. Die Straßen, die nicht allerorts richtig geteert sind, werden weich und schlammig. Menschenleere Straßen. Wenige Dörfer. Alles stockfinster. Die Lichter des Autos haben einen Wackelkontakt, sodass wir auf den engen, unbeleuchteten Straßen teilweise nichts mehr sehen. Es donnert, blitzt und wir hoffen nur möglichst bald in Holguín anzukommen.

Die Busstation ist voller Menschen. Wir können kein Ticket im Voraus kaufen. Sobald der Bus um 3.00 Uhr nachts ankommt, schaut der Fahrer nach wie viele Plätze noch frei sind. Erst danach wissen wir, ob wir mit nach Baracoa fahren können oder weiter warten müssen. Während einer von uns beiden versucht auf dem Boden oder einem der Stühle ein wenig zu schlafen, bleibt der andere wach, schaut kubanisches Fernsehen und bewacht die Rucksäcke.

Um Steffens Geburtstag um 00.00 Uhr ein bisschen zu feiern, gönnen wir uns in einer Bar ein leckeres Eis und stoßen auf seinen 22. Geburtstag an.